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Inhalt zuerst. Zum Stadttheaterbetrieb
(Vortrag)

23. Mai 2015, Vortrag für die Konferenz "Konkret"

Borgholzhausen, 23. Mai 2015. Arbeitsbedingungen am Stadttheater? Visionen zur Zukunft der darstellenden Kunst? Als Kulturjournalist und Theaterkritiker bin ich von dem Thema nicht direkt betroffen – im Gegensatz zu den Organisatoren und Teilnehmern der „Konferenz Konkret“. Ihr habt – neben ideellen Gründen, die ich niemandem absprechen will – eben auch ein Eigeninteresse, weil es um eure konkreten Arbeitsbedingungen geht.

Theater ist für mich hingegen „nur“ mein journalistisches Hauptthema, so wie es Medizinjournalist*innen, Wissenschaftsjournalist*innen, Wirtschaftsjournalist*innen gibt – oder eben Kultur- bzw. Theaterjournalist*innen. Und eine Unabhängigkeit vom jeweiligen Untersuchungsgegenstand ist natürlich die Grundlage journalistischer Glaubwürdigkeit. Ich versuche, aus einer Distanz heraus Dinge zu beschreiben oder analysieren. Ich also Journalist bekomme von Theatern kein Geld (außer Pressekarten), und stehe somit in keinem direkten Lohnzusammenhang. Ich kann als Unbeteiligter vielleicht eher Sachen thematisieren, die Involvierte nicht so offen sagen können oder wollen – weil sie Konsequenzen für ihre Arbeitsmöglichkeiten fürchten müssten.

Was grundsätzlich die kulturpolitische Berichterstattung angeht, so ist aus einem ganz schlichten Grund eine besondere Aufmerksamkeit und Hartnäckigkeit gerechtfertigt, mit der man Stadt- und Staatstheaterbetriebe immer wieder befragen, kritisieren und prüfen muss: sie sind mit öffentlichen Geldern finanziert. Somit sind sie grundsätzlich zu einer gewissen Transparenz verpflichtet und müssen Auskunft über die Verwendung der Gelder geben. Sie zu einer besonderen Sorgfalt im Umgang mit den finanziellen Mitteln verpflichtet. (Was aber im Bereich der Kunst nicht immer leicht zu definieren ist – denn „Sorgfalt“ ist hier keinesfalls im Sinne von „Effizienz“ oder „Marktwirtschaftlichkeit“ zu verstehen, eher im Gegenteil: Sorgfalt beim Nutzen der Kunstfreiheit.)

Wenn es um die öffentliche Befragung von Stadttheatern geht, sehen das mache anders, allen voran jene, die die Theater als Intendant*innen leiten. Man hört gelegentlich die verständnislose Frage: „Gegen wen kämpft ihr eigentlich?“ Man hört, dass Texte der Stadttheaterdebatte auf nachtkritik.de von Politikern ausgedruckt würden, um bestimmte Stellen zu zitieren; gar als Begründung für Kürzungen. Hier stehe es doch auf nachtkritik.de, dass man Ensembles nicht brauche, heiße es dann. Das wäre aber natürlich schlichtweg falsch zitiert und aus dem Zusammenhang gerissen. Und ist somit leicht zu entkräften, wenn man die Quelle vergleicht.

Auch Thomas Bockelmann, Intendant in Kassel, äußert sich ähnlich in einem Text, der auf nachtkritk.de erscheinen ist: „Speziell im Google-Gedächtnis, das nichts vergisst und nichts verzeiht, wirkt eine Einzelmeinung umso ‚nachhaltiger’, je schriller sie klingt.“ Und weiter: „Latour hatte seine Kollegen ermahnt, zu respektieren, in welchem zerbrechlichen Boot man gemeinsam sitzt. Ensemble gegen Performer, Drama gegen Environment, Intendanten gegen Kuratoren auszuspielen, das schwächt das Theater insgesamt. Der Bedeutungsverlust der einen ist der Bedeutungsverlust der Anderen. Letztlich sind wir alle Ensemble.“

Dem stimme ich nicht zu. Was wäre die Folge aus Bockelmanns Aussage, dass wir alle in einem Boot sitzen würden? Kein öffentliche Kritik mehr an möglichen Missständen mehr zu äußern? Selbstzensur? Nur noch Lobeshymnen auf den Status Quo? Sollte man leugnen, dass es immer wieder Bedarf zur Veränderung gibt? Wenn das Theater nicht mal mehr solche Diskussionen verkraftet, dann ist schon alles zu spät. Es täte es mir leid. Aber ich denke, so ist es nicht. Theater hat viele gute Argumente für seine Existenz. Und zwar viel mehr Argumente als „Theater muss sein.“ Deshalb sollte es viel selbstbewusster mit dieser Debatte umgehen.

Bockelmann sagt: „Letztlich sind wir alle Ensemble.“ Ich hingegen will Theaterberichterstattung am liebsten weit weg denken vom Betrieb denken, als eigenen, losgekoppelten Diskurs über Kunst. In dem zwar auch das Ereignis beschrieben, eingeordnet und bewertet wird. Aber im Optimalfall werden eben auch der Inhalt und das Thema weiterdiskutiert. Oder eine These. Oder eine gesellschaftliche Fragestellung, ein philosophisches Dilemma. Kritik kann so ein Raum sein, in dem das flüchtige Theaterereignis fortgeschrieben wird. Gerade mit den Partizipationsmöglichkeiten des Internets ist Raum geöffnet für Nachhall, Korrektur, Gegenmeinung, ein Gesamtbild. Das muss in den Kommentaren auf nachtkritik.de ja nicht durchwegs konstruktiv sein, aber es ist wichtig, dass es überhaupt einen Ort dafür gibt. Dieses Verständnis nimmt das Theater viel Ernster. Es begegnet ihm auf Augenhöhe.

Oft wird von Theatern empfunden, dass Kritier*innen Macht haben. Sie haben eine potentielle Öffentlichkeit, die nicht jeder erreichen kann. Das ist ja das Grundprinzip von Medien: Wenige Sender erreichen viele Empfänger, und damit haben die Sender automatisch eine Machtposition. Auch wenn die Wege bei Onlinejournalismus nicht mehr ganz so hermetisch sind wie bei Printerzeugnissen.
Als Medienmacher*in sollte man aber natürlich nicht die ganze Zeit denken: Ah, wie viele Leute kann ich heute wieder erreichen und ihre Gedanken beeinflussen? Man muss sich zwar grundsätzlich seiner Verantwortung bewusst sein. Aber die Macht der Öffentlichkeit ist wie gesagt nun einmal das Grundfunktionsprinzip von Medien. Leider gibt es natürlich hier natürlich genug Negativbeispiele unter Theaterkritikern. Ich halte es hier ganz einfach so: Genauso wie es für Theatermacher*innen ungesund ist, wenn sie nur noch das Theater kennen und sich sonst mit nichts beschäftigen, so  verhängnisvoll ist es auch für Theaterkritiker*innen, wenn sie sich nur noch mit Theaterkritik beschäftigen und nichts kennen außer dem Theater.

Deshalb: Wir, Theaterberichterstattung und Theaterpraxis, sind keine Gegner. Wir sind aber auch keine Verbündeten, die Kulturjournalisten keine Lobbyisten der Kulturinstitutionen. Dafür nehme ich das Theater zu ernst. Natürlich sind wir uns im Grunde darüber einig, dass Theater wichtig für die Gesellschaft ist. Aber was verstehen wir unter Theater? Da hört die Einigkeit doch schon wieder auf.
Soweit zur Positionierung der Theaterberichterstattung im Verhältnis zur Theaterpraxis.

Die Frage ist nun, ist trifft dieses Idealmodell der Theaterberichterstattung auf die heutige Situation zu? Wer interessiert sich für diesen Diskurs über Theater? Es gab vor einiger Zeit eine Umfrage auf nachtkritik, und eine Frage lautete: „Haben Sie beruflich mit Theater zu tun?“ Es kann heraus, dass mehr als die Hälfte der Leser*innen von nachtkritik.de die Seite aus beruflichem Interesse lesen.
Unsere Seite ist nun nicht unbedingt repräsentativ, weil wir ja auch ein überregionales Fachmagazin sind und sein wollen. Wieso sollte uns ein Gelegenheitstheatergänger in Heilbronn regelmäßig nachtkritik.de lesen, wenn wir von dem Theater nur einmal im Jahr eine Rezension bringen? Doch leider sieht es ja mit den Kulturteilen der regionalen Zeitungen nicht viel anders aus. Zum Beispiel die Mitteldeutsche Zeitung plant, die Theaterkritik abzuschaffen, weil sie laut Leserscreenings am wenigsten gelesen werden. Wenn Theaterkritik aber nur noch vom Betrieb gelesen wird, ist das ein Problem.

Ich will mal davon ausgehen, dass der Diskurs über Theater immer nur höchstens so relevant sein kann, wie das Ereignis selbst. Theaterkritik kann selbstverständlich nicht wichtiger oder populärer oder nachgefragter sein als das Theater selbst, sondern ist immer nachgeordnet, ein Sekundärprodukt. Dieses mangelnde Interesse an Theaterberichterstattung von „Laien“, also von normalen Zuschauern, muss mit der Situation des Theaters zusammenhängen. (Übrigens gilt der Umkehrschluss natürlich nur beschränkt: Wenn ein Theater in einer Stadt relevant ist, kann ja immer noch die Berichterstattung dazu schlecht sein. Dann läuft das Interesse daran leider ins Leere.)

Und auch in meinem direkten Freundes- und Bekanntenkreis sehe ich das. Leute, die stark an einem gesellschaftlichen Diskurs interessiert sind, die sich Gedanken machen um die Schere zwischen Arm und Reich, die über ihre eigene globale und lokale Verantwortung nachdenken, die wissen wollen, wie das richtige Leben im Falschen funktionieren kann, kurz: die einen Raum suchen, um zu reflektieren – die gehen nicht ins Theater. Die lesen viel, schauen sich Dokus an, hören Features, gehen an die Uni, verreisen, treten in NGOs ein, gehen zu Podiumsdiskussionen. Aber die gehen nicht ins Theater.

Spätestens jetzt ist man mitten in einer ästhetischen Debatte. Bei der Konferenz hier geht es ja viel um Arbeitszeiten, Arbeitsbedingungen, Pausen, Wochenenden, Freizeit. Im ersten Newsletter schreibt ihr am Schluss: „Und ja, wir wollen geilen Spaß. Das steht allerdings nicht im Gegensatz zu politisch und gesellschaftlich relevantem Theater.“ Der Haken ist natürlich nur: Was ist politisches und gesellschaftlich relevantes Theater? Vor lauter Arbeitszeitregelungen sollte man nicht vergessen, sich darüber zu verständigen, von welchem Theater man überhaupt redet, welches Theater man gut findet. Ist „Hamlet“ per se politisch und gesellschaftlich relevant? Oder kann er es überhaupt sein? Und wie viele Hamlets sollte man auf dem Spielplan haben? Und sollte man sie Repertoire haben, oder kann man nicht auch en Suite spielen? All diese Sachen sind ja von den Arbeitsstrukturen nicht zu trennen.
Exemplarisch für diesen Zusammenhang von Arbeitsstruktur und ästhetischem Gehalt der Kunst will ich aufs Schauspielen zu sprechen kommen, also auf die Rolle und Funktion von Schauspieler*innen am Stadttheater.

Erstmal möchte ich dazu auf einen Text von Mehmet Sözer eingehen, der unter dem Titel „Was kann man tun? Ein Plädoyer gegen die Vereinzelung“ im aktuellen Heft von „Theater der Zeit“ zu lesen ist. Er schreibt: „Dem Regisseur, dem Dramaturgen, dem Bühnenbildner, allen verantwortlichen Theaterleuten wird abverlangt, der Welt gegenüber eine kritische Haltung einzunehmen – sei sie scheinheilig oder nicht –, denn Kritik zu üben sei doch schließlich die Urfunktion des Theaters. Der Schauspielerberuf pervertiert diesen heuchlerischen Umstand um einen weiteren Schritt, weil er nicht einmal zu dieser (verlogenen) kritischen Haltung angehalten ist. Er ist zu gar keiner Haltung angehalten, zu gar keiner Kritik. Die Schauspielkunst darf sich als einzige der theaterkonstituierenden Professionen getrost auf ihrem Elfenbeinturm ausruhen.“ Und weiter: „Eine ganze Riege an Schauspielern ist öffentlich stolz darauf, nichts von der Welt zu wissen und sich nicht mit ihr beschäftigen zu müssen. Sie genügen sich selbst in ihren großen Rollen, denen sie dort und da ihre Individualität einflößen. Der heutige Schauspieler ist ein Vorbild dafür, wie man lachen, weinen und überhaupt quicklebendig sein kann ohne sich jedwede existenzielle Frage zu stellen, kurz: ohne sich des eigenen Verstandes zu bedienen.“

Zu diesem Zitat gesellt sich eine weitere Beobachtung von mir: und zwar, dass gerade Regisseur*innen, die früher mal Schauspiel studiert haben oder auf der Bühne standen, ihre Schauspiel-Vergangenheit abtun, geradezu leugnen wollen. Man hat den Eindruck, sie schämen sich regelrecht dafür. Thom Luz zum Beispiel, der in diesem Jahr zum Theatertreffen eingeladen war, hat im Interview mit der Süddeutschen Zeitung gesagt, sein Schauspielstudium sei ein „lustiges Missverständnis“. Dergleichen hört man öfters.

Und noch eine dritte Beobachtung, eine Eigenbeobachtung: An wen richte ich beim Schreiben meine Kritik am Inszenierungskonzept? Also wen mache ich grundsätzlich für das Scheitern einer Produktion verantwortlich? Ich richte mich da immer an den / die Regisseur*in. Die Regieführenden werden am Stadttheater letztendlich immer verantwortlich für die Inszenierung gemacht. Die Schauspieler tun einem entweder leid, wenn sie in einer schlechten Inszenierung spielen, oder aber sie wurden eben schlecht angeleitet.

In dieses Bild von Schauspiel fügt sich meines Wissens ja auch die Schauspielausbildung ein. Werden Schauspieler*innen an Schauspielschulen zu kritisch mitdenkenden, weltorientierten, reflektierten Menschen ausgebildet? Ihr wisst es besser, aber nach allem was ich gehört habe: an den herkömmlichen Schauspielschulen kaum. Dann gibt es aber noch Studiengänge wie die Angewandte Theaterwissenschaft in Gießen oder in Hildesheim. Von diesen Schulen kommen meist Theatermacher, die extrem tief in Diskursen stecken, aber dafür keine Ausbildung dafür haben, was es heißt, auf der Bühne zu stehen, welche Techniken man als Akteur anwenden kann. Die Theaterausbildung klafft so auch immer extremer auseinander.

Daraus folgt also die Beobachtung, dass es für eine Änderung der Produktionszusammenhänge ganz tiefgreifende Änderungen braucht. Die eben schon in der Theaterausbildung beginnen, beziehungsweise dort wichtiger als anderswo sind, da dort ja die Grundsteine gelegt werden. Wenn man mal mit Leuten von Theaterausbildungsstätten redet, dann ist meistens deren größtes Ziel: Möglichst viele Schauspielstudenten an guten Theatern unterzubringen. Heißt: Die Schauspielschulen sind schon völlig markthörig und haben anscheinend überhaupt keine eigene Vision davon, was man heute als Schauspieler vielleicht können sollte. Denn die Ansprüche an Schauspieler ändern sich ja extrem. Nur wenn man sich in den Schulen schon nach einem vermeintlichen Markt richtet, dann ist das fatal.

Momenten gibt es im Theater ja die Hierarchie: Ganz oben ist die Intendanz, die ist aber eh nie da, darunter ist die Dramaturgie, die wiederum holt die Regisseur*innen, und die Schauspieler*innen müssen ausführen. Darin hat jeder seine Partikularinteressen, vor allem die Regisseur*innen, die ja auch noch Freiberufler sind in dieser Kette. Dies hat sicher auch einen nicht zu unterschätzende Auswirkung, dass Selbständige auf Angestellte treffen: Nichts unterscheidet sich mehr als die Arbeitsweisen und der Arbeitsalltag von Angestellten und Freiberuflern.

Jedenfalls ruft Lisa Jopt in ihrem Newsletter-Text dazu auf, Schauspieler*innen sollten der Regie mehr das Gefühl geben, sie stünden hinter der Arbeit, man ziehe an einem Strang, und arbeite nicht gegeneinander. Das kann ja aber nach meinem Verständnis nur gehen, wenn es auch wirklich die gemeinsame Sache ist. Und das geht bei den jetzigen Strukturen ja nur mit einem großen Zufall, dass da wirklich in einem Team die aufeinander treffen, die sich für das gleiche Projekt interessieren. Von außen gesehen ist diese Konstellation doch sehr sehr unrealistisch.

Wenn man aber die Strukturen dahingehend verändert, dass sich ein Team gerade wegen eines Themas zusammenfinden kann? Wenn man sich aus gleichem Interesse heraus, aus gleichem Antrieb, gleicher Ästhetik, gleicher Arbeitsweise heraus zusammentut? Und sich auf Augenhöhe begegnet? Wenn es sich wirklich um ein gemeinsames Projekt handelt, dann gibt es doch diese Opposition zwischen Regie und Schauspiel überhaupt nicht. Solange es aber eine aufgesetzte Struktur ist, kann man niemanden dazu bringen, etwas „von außen“ zu seiner Sache zu machen.

Alle diese Aspekte, sei es die von Mehmet Sözer geäußerten, sie es die Scham der Regisseur*innen über die eigene Schauspielausbildung, oder eben die Schauspielschulen, die ihre Schüler*innen so ausbilden, wie sie denken, dass sie am Theater am ehesten angestellt werden: All diese Probleme gäbe es in meinen Augen nicht, wenn es nicht die aktuellen Strukturen am Theater gäbe, bei denen es nicht primär um Inhalte geht, sondern – mutmaßlich – zuerst um Hierarchie, Technik, Handwerk, Macht, Stellenverteilung, Beliebtheit, Karriere, eine gute Stellung in der Kulturpolitik. Nur weil es vielleicht jemanden braucht, der festlegt, wie die Inszenierung am Ende aussieht, heißt es ja noch lange nicht, dass man inhaltlich auf Augenhöhe starten und zusammenarbeiten kann. Und wenn aber Inhalt zuerst kommt, dann ergeben sich doch daraus die richtigen Strukturen fast von selbst, oder?

 

(Manuskript für einen Vortrag bei der Theater-Konferenz „Konkret“ in Borgholzhausen, NRW)