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#metoo, und als Mann?
(Text)

6 Fragen für einen männlichen Feminismus

Bin ich Feminist? Bin ich Teil des Problems? Bin ich zu leise? Bin ich zu laut? #metoo – und ich? Der Text entstand im Zuge von Recherchen zur toxischen Männlichkeit und ist Ausgangspunt zu weiteren Überlegungen zum männlichen Feminismus.

Ich bin Anfang 30, TV-Producer, weiß, heterosexuell und habe ein Problem mit meiner Männlichkeit. Wobei – wohl eher nicht mit meiner Männlichkeit, sondern vielmehr mit dem, was an mich als Mann herangetragen wird. Im Restaurant ist der doppelfleischige „Männer-Burger“ für mich vorgesehen und die Servicekräfte lassen mich spüren, dass ich für meine Freundin zu bezahlen habe; ich kann nicht kommentarlos zum Yoga gehen und war schon ein „Schlappschwanz“, weil ich es nicht für nötig hielt,  die Frau, mit der ich im Club war, vor Kontaktaufnahmen abzuschirmen. Ich muss mich im Kino mit Bruce-Willis-Berserker-Typen abgleichen, sollte Ahnung von der Bundesliga haben, gehöre ungefragt zur eingeschworenen Männer-Gemeinschaft, muss Frauen anquatschen, wenn ich welche kennen lernen will, und am besten wie eine Mischung aus St. Martin und Kim Jong-un souverän durch den Sex führen. Nur weil Männer seit einigen Jahrhunderten mal mehr, mal weniger stark Frauen diskriminieren, heißt das nicht, dass als Mann deshalb immer alles geil ist. Im Gegenteil. Gleichberechtigung wäre für alle geiler – viele Männer leiden genauso an den überkommenen, aggressiven und machtstrebenden Rollenverständnissen ihresgleichen: an toxischer Männlichkeit. Zwar muss man als Mann bereit sein, sich von seinen Privilegien zu verabschieden, und wie viele Privilegien man hat, wird man erst merken, wenn man sie nach und nach aus der Welt schafft; doch wie viele andere würde ich diese männlichen Privilegien gerne eintauschen für eine Befreiung von toxischer Männlichkeit.

Wenn man sich als Mann mit der eigenen gesellschaftlichen Rolle befasst, kann daraus eine große Freiheit entstehen: Jeder ist zwar ein gesellschaftlicher Teil des sexistischen Systems, aber wir können individuell agieren. Je besser man die Mechanismen um einen herum versteht, umso klarer kann man dagegen angehen. Wozu die reflexartigen Gegenangriffe, wenn man auf Sexismus hingewiesen wird? Ja, wir alle handeln (unabsichtlich) diskriminierend, aber wir können nun daran arbeiten, es seltener zu tun. Die Beschäftigung mit feministischen Themen ermächtigt uns, selbstbestimmter zu handeln und die Welt freier zu machen. Feminismus ist also auch „unsere“ Rettung – wobei es höchstes Ziel ist, dieses kontrollierende und einengende „uns“ unter Männern aufzulösen, für das sich viele von „uns“ gar nie entschieden haben. Wir erlernen es von früh an, in Jungsbanden, bei Junggesellenabschieden, Fußballvereinen, im Sportunterricht oder auf der Clubtoilette. Auch wenn es vieles bequemer macht, so sollte einen doch echte Freundschaft verbinden und nicht die Gemeinschaft eines Geschlechts. Nicht zuletzt ist Feminismus auch deshalb für Männer die Rettung, weil es ihm (trotz des irreführenden Namens) nicht darum geht, irgendjemanden zu bevorzugen oder etwas zu verbieten. Sondern es geht um möglichst freie Wahlmöglichkeiten – sowohl für Angehörige von Minderheiten als auch von Mehrheiten.

Denn hatte man als Junge wirklich die Wahl, ob man sich eher für Fußball oder für Gymnastik interessiert, entscheidet man frei, ob man Trompete oder Querflöte lernt? Wie wahrscheinlich ist es, sich als junger Mann völlig passiv zu einem One-Night-Stand abschleppen zu lassen? Kann man beim Sex auch die Rollen umdrehen, kombinieren, verwischen? Wann haben wir uns in Beziehungen eigentlich für Monogamie, Eifersucht und Exklusivität entschieden? Auf unserem Geschlechtermiteinander lastet ein unendlicher Berg an Traditionen, Erzählungen und Vorannahmen, die vieles hemmen und unmöglich machen. So lange wir diese gleichen Geschichten, Ästhetiken, Themen und Haltungen weiter fortführen und wiederholen, zementieren wir den Status Quo. Wenn wir uns aber aus freien Stücken dazu entschließen, damit aufzuhören, wird sich eine neue Welt öffnen. Scheiß auf die Privilegien, scheiß auf die Gewissheiten, scheiß auf die Erwartungen, denn was danach kommt, ist noch viel besser.

1. Wie männlich muss ich sein?

Nicht im Restaurant, sondern an der Kasse bei Aldi höre ich letztens folgenden Kommentar, als meine Freundin bezahlt: „Ich finde der Mann sollte zahlen, weil wir Frauen uns ja auch immer so aufopfern.“ Wie bitte? Kann ich nichtmal unbelästigt im Discounter einkaufen? Echte Männer trinken nicht Sangria, sondern „Mangria“. Bin ich also ein Weichei, wenn ich ganz normalen Sangria bestelle? Darf ich auch mal „keine Eier“ haben, ohne gleich meine Hoden zu verlieren? Bin ich noch attraktiv für meine Freundin, wenn ich mir eine Wärmflasche mache, wenn mir kalt ist? Warum kann ich nicht zum Yoga-Unterricht gehen, ohne dass es ein Thema wird, warum muss sich mein Freund dauernd dazu verhalten, dass er die Hälfte der Elternzeit nimmt?
Wie fragil muss Männlichkeit sein, wenn es eigens Männer-Schokolade, Männer-Marmelade, Männer-Tee, Männer-Seife und Tipps fürs männliche Gestalten seines Bettes gibt. Und wie toxisch kann Männlichkeit sein: Alles ist Wettbewerb, keiner darf Gefühle zeigen, man muss immer Lust auf Sex haben, sich in Schlägereien messen, ausrasten wenn die Partnerin jemand anderem körperlich nahe kommt? Zwar sind Männer nicht das über Jahrhunderte weg diskriminierte Geschlecht – aber deswegen ist noch lange nicht immer alles geil als Mann.

2. Muss ich zu „den Jungs“ gehören?

Wieso gehört man als Mann immer automatisch zur „den Männern“? Und wieso bekommt man das Gefühl, „seinesgleichen“ in den Rücken zu fallen, wenn man sich nachts betrunken im Club nicht mit fremden Männern verbrüdern will? Durch Räume wie geschlechtergetrennte Toiletten lernen wir von früh an, wer zusammengehört, wenn es kritisch wird. Kann man sich als Mann dem überhaupt entziehen? Wie tief sitzt diese Prägung, wenn ich bewusst und überzeugt in einem Off-Theater in Berlin-Mitte bei einem feministischen Festivals auf die geschmischt-geschlechtlichen Toiletten gehe und dort trotzdem völlig verunsichert bin, wie ich mich richtig verhalten soll? Unterschätzen wir nicht völlig die Rolle der Vergemeinschaftung von Männern, die uns von früh an von einander trennt und einteilt? Und warum ist die Welt eigentlich nicht in Rechts- und Linkshänder eingeteilt, statt in Männer und Frauen?

3. Muss ich erobern?

Voll schwul: Als Jugendlicher schwimme ich wie so viele auf der Welle der Homofeindlichkeit. Warum denken so viele Männer immer noch, sich von Homosexualität abgrenzen zu müssen? Ist es zunächst die Verunsicherung über die eigene Sexualität? Und später vielleicht einfach die traumatische Erfahrung, selbst einmal nicht der aktive Part zu sein, sondern plötzlich angesprochen, angemacht zu werden? Denn diese Seite ist man als Mann nicht gewohnt: Wir lernen, Frauen erobern zu müssen, Männer sind aktiv, Frauen passiv. Wenn ich nun plötzlich zum Objekt der Begierde werde, bin ich also vor allem von dem Kontrollverlust verunsichert? Und warum gibt es diese Rollenverteilung beim Kennenlernen überhaupt? Sind Männer und Frauen einfach „so“, also genetisch so veranlagt? Eine wissenschaftlich sichere Aussage lässt sich über genetische Vorbestimmtheit jedenfalls nicht treffen – und die Diskussion darüber lenkt auch nur von den eigentlichen politischen Fragen ab. Wollen wir uns nicht alle grundsätzlich als freie Wesen denken? Müsste die Frage daher nicht lauten, wie wir sind, sondern vielmehr, wie wir sein wollen?

4. Bin ich Teil des Sexismus-Problems?

Ist die Asymmetrie beim Kennenlernen von Mann und Frau nicht ein Symptom einer nach wie vor nicht gleichberechtigten Gesellschaft? Ich fiel damals aus heiterem Himmel, als mir meine Freundin erzählt, wie oft sie mit „Catcalling“ und Sexismus konfrontiert ist. Je mehr wir darüber reden, desto mehr wird klar: Sie muss viel mehr Kämpfe kämpfe, um da hin zu kommen, wo ich bin. Wieso ist ihr Frausein dauernd Thema? Und habe ich mit ihren Problem wirklich nichts zu tun? Bin ich mit meinen Privilegien nicht vielmehr Teil des Benachteiligungssystems? Denn so, wie es nicht „neutral“, sondern mit gesellschaftlichen Privilegien verbunden ist, weiß zu sein, gehen auch mit dem Mannsein viele Privilegien einher. Doch warum habe ich die nie als solche wahrgenommen? Wie kann ich sie überhaupt entdecken? Was passiert, wenn ich versuchen, sie abzuschaffen? Und warum sollten ich es überhaupt tun? Denn ein Robin Hood bin ich nicht. Trotzdem ist es absolut in meinem Interesse, die Situation zu ändern. Ist ein feministisches Bewusstsein nicht auch für Männer absolut befreiend? Führt die Trennung von individueller und gesellschaftlicher Verantwortung nicht zu einer neuen Selbstbestimmtheit?

5. Was ist eine gleichberechtigte Partnerschaft?

Was ist gleichberechtigter Sex? Wie können Frauen im gleichem Maße wie Männer beim Sex Phantasien entwickeln, ihren Bedürfnissen nachgehen, Vorlieben entdecken? Ist das heutige Angebot an Pornographie nicht eher als Symptom denn als Ursache der Ungleichbereichtigung zu sehen? Zu einer anderen, gleichberechtigten Welt gehört auch anderer Sex. Würden sich dann theoretisch nicht auch viele Probleme bei Pornographie oder Prostitution von selbst auflösen?
Wie sieht dann eine gleichberechtigte Partnerschaft eigentlich aus? Warum denken immer noch so viele, dass sie als Mann im Club ihre Freundin abschirmen müssen, ihr irgendwann einen Heiratsantrag zu machen haben und für die Ernährung der Familie verantwortlich zu sein? Und ist diese Sache mit der Ehe ist sowieso fragwürdig: Er macht ihr den Antrag, sie nimmt seinen Namen an, im schlimmsten Falle führt ihr Vater sie zum Altar. Überhaupt: Wenn wir uns vom besitzergreifenden Gefühl der Eifersucht verabschieden, ist Monogamie dann überhaupt noch so alternativlos? Aber wie passt das dann noch damit zusammen, dass sich der Staat aber mit Steuerersparnissen durch Ehegattensplitting von bis zu 10.000 Euro in unsere Beziehungsmodelle einmischt? Und kann es sein, dass ich in einer nichtverheirateten Partnerschaft also ausnahmsweise selbst diskriminiert werde?

6. Kann ich mich denken, ohne mich als Mann zu denken?

Wovor haben Männer Angst? Davor, keine so wichtige Rolle mehr zu spielen? Fürchten sie wirklich, Macht, Kontrolle und Privilegien zu verlieren? Ist es nicht vielmehr die Angst vor der Unzahl an Möglichkeiten, die auf einen zukommt, wenn Fußball, Bier und Autofahren nicht mehr alternativlos sind? Denn dann wird es vielleicht plötzlich schwierig, herauszufinden, was man wirklich will. Und wenn man sich vorher nie damit beschäftigt, kann der Verlust eines klaren Rollenbildes zu einer Identitätskrise führen – wer will das schon? Ist es am Ende also die Angst vor der eigenen Autonomie? Wie können wir diese Angst besiegen? Wie können unsere Söhne ohne diese Angst aufwachsen? Was ändert sich, wenn wir unser Sprechen über Männer und Frauen verändern, wird sich dann unser Denken und damit unser Handeln automatisch ändern? Und was käme nach einer gleichberechtigten Gesellschaft? Können wir uns eine Welt vorstellen, in der Frausein und Mannsein überhaupt keine Kriterien mehr sind? Wenn ich mich denken kann, ohne mich als Linkshänder zu denken, sollte ich mich dann nicht auch denken können, ohne mich als Mann zu denken?

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To be continued.