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Extremtheatermacher Vegard Vinge
(Text)

16. Dezember 2014, nachtkritik.de

Denn sie wissen schon, was sie tun

Berlin, 16. Dezember 2014. Als wäre es gestern gewesen: Ich betrat den Prater der Volksbühne – bisher hatte ich nur ein paar Gerüchte über die Arbeiten des Regisseurs aufgeschnappt –, und im Zuschauerraum spürte ich sofort eine fast einschüchternde Entschlossenheit um mich herum. Der Einlass hatte sich wegen Nachbesserungen an der Bühnensicherheit um eine Stunde verzögert, und nun trugen die Totenkopf-Masken hinter der monströs-schwarzen Bühnenwand und der kriegerische Soundtrack ihr übriges zu dieser Atmosphäre bei, in der man sich – ganz real – nicht sicher fühlte. Schon bald quietschte im absoluten Dunkel der Plastikvorhang auf, und mit einem plötzlichen Lichtblitz offenbarte sich für einen Sekundenbruchteil die ganze gemalte Bühnenwelt, an der man sich auch im Verlauf der unzähligen kommenden Stunden nicht sattsehen sollte: Die Premiere von John Gabriel Borkman unter Leitung des Trios Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen begann.

Über drei Jahre ist das jetzt her, vor fast anderthalb Jahren ging die Folgeproduktion 12-Spartenhaus zu Ende, und vor gut einem Jahr fragte ich mich an dieser Stelle schon einmal: Was macht eigentlich Vegard Vinge? Dieselbe Frage stellt sich auch heute noch – und sicher nicht nur mir: Während in den ersten Vorstellungen von „Borkman“ noch die Hälfte der Bänke frei blieben (ich ließ die ein oder andere Nacht auf dem Nachhauseweg im naheliegenden Prater „ausklingen“), waren die letzten Aufführungen lange im Vorhinein ausverkauft. Ohne Werbung, ja sogar ohne ordentlichen Beschreibungstext auf der Volksbühnen-Homepage. Im Theaterpublikum und der Theaterszene war schlicht Alarm gegeben worden: Wenn du es irgendwie schaffst, fahr da hin! Das muss man gesehen haben! Etwas Vergleichbares gab es lange nicht, war sich auch die Kritik einig.

Später dann das „12-Spartenhaus“, das im Nachhinein wirkt wie eine Trotzreaktion auf den vorigen Erfolg, auf die Theatertreffen-Einladung, auf den Vinge-Hype. Eine masochistische Verweigerung entgegen aller Erwartungen – und auch irgendwie unfertig in ihrer inhaltlichen Verschränkung von Ibsens „Volksfeind“ und einer Theaterbetriebs-Persiflage.

Und heute also? Was spielt sich ab hinter den Mauern des Praters, dieser seit über einer Spielzeit scheinbar stillgelegten Spielstätte? Wo sind Vinge, Müller, Reinholdtsen?

Sie sind noch dort. Sie arbeiten, proben, jeden Tag. Das bestätigt der Volksbühnen-Kontaktmann und Dramaturg Sebastian Kaiser. Erst im Mai dieses Jahres wurde nach einer neuen Regieassistenz gesucht: „Verständnis für und Identifikation mit der Ästhetik und Arbeitsweise von Vinge/Müller sind wünschenswert.“ Mit anderen Worten: Wer ist bereit, es mit den derzeit wohl radikalsten Theatermachern aufzunehmen? Ein Regisseur, der sich während seiner Aufführung mit Gipsarm von einer hohen Balustrade in einen Haufen Pappkartons stürzt, meint es vermutlich auch während der Proben ernst mit seinem Vorhaben. Man munkelte, dass es für manche Mitwirkenden zu viel wurde, endlose Proben, keine Aufführungen, immer alles geben.

Doch genau diese totale Kompromisslosigkeit war es, die einem bei „Borkman“ den Atem verschlug. Da war keine Pose, keine Drohgebärde, sondern ein maskierter Mann, der halsbrecherisch balancierend mit seinen schwarzen Stiefeln auf nachträglich angebrachte Stahlseil-Geländer eintrat, weil diese Sicherheitsvorschriften für ihn einfach das Bühnenbild kompromittierten. Und wenn es so etwas wie „Spielchen“ mit dem Publikum gab, dann nur solche, mit denen sich der Künstler selbst traf und auslieferte. Die monströse Zumutung für das Publikum ging immer mit einer noch viel größeren Zumutung für die Künstler selbst einher.

Der Plan der Volksbühne, das Team auf die große Bühne zu holen, um dort ein „Totaltheater12“ zu entzünden, ist letztendlich auch an der hochkonsequenten Arbeitsweise gescheitert, erzählt Sebastian Kaiser. So habe es Überlegungen gegeben, während der Spielzeitferien ein Team bereitzustellen, so dass Vinge immerhin drei Monate auf der großen Bühne hätten proben können – eine Ewigkeit im Vergleich zu den sonst üblichen sechs Wochen, ein Wimpernschlag angesichts der Vinge/Müller/Reinholdtsen-Extremkunst. Und so hat man die Pläne wieder über den Haufen geworfen, die Förderung der Bundeskulturstiftung bis dato nicht abgerufen.

Das Trio wird also vorerst im Prater bleiben – den es wie ein eigenes Theater autonom nutzen kann. „Wie in der Vision des jungen Bertolt Brecht, ein Laboratorium zu schaffen, in dem unter Ausschluss der Öffentlichkeit experimentiert werden kann“, so Kaiser. Der Deal mit den Künstlern sei, dass es dann Aufführungen gebe, wenn sie soweit seien. „Wann genau das sein wird, wissen wir vom Haus auch nicht.“ Was zumindest Klaus Wowereit, als er noch Kultursenator war, durchaus in Besorgnis versetzte: „Frank, sei mir nicht böse, aber irgendwann muss Theater doch auch mal spielen und zu sehen sein“, zitiert Castorf seinen Damals-noch-Chef im Interview.

Umso erstaunlicher, ja einzigartiger dieser Vorgang. Die Volksbühne beweist damit Größe, Klugheit und Mut. Wenn doch nur mehr Stadttheater ihre Arbeit so begriffen: als Ort, an dem (auch) kompromisslose Kunst ermöglicht wird, die unter keinem Ergebniszwang steht. Wem, wenn nicht diesem Trio, fragt Kaiser zurecht, könne und müsse man diese Möglichkeiten geben?

Oder noch besser: Möge man Vinge/Müller/Reinholdtsen gleich die Leitung eines Stadttheaters überlassen. Das Berliner Ensemble hätte sie gut gebrauchen können, doch die Entscheidung ist anders gefallen. Und welcher Berliner Intendant geht voraussichtlich als nächstes in den Ruhestand? Das dürfte tatsächlich Frank Castorf sein, seit über zwanzig Jahren auf dem Volksbühnen-Chefsessel. Wir hätten da also schon einen (ernst gemeinten!) Vorschlag für seine Nachfolge. Mal sehen, ob sich die neue Berliner Kulturpolitik als visionär erweist.

Veröffentlicht auf nachtkritik.de